Übersetzung des Artikels "History did not begin with the Quassams"
Erschienen
am 13.01.2009 in der israelischen Tageszeitung Haaretz

KASSAM-RAKETEN SIND NICHT DER AUSLÖSER

Von Amira Hass 
Aus dem Englischen übersetzt - 20.01.2009

Zwar waren die Kassam-Raketen nicht der Auslöser, aber für uns Israelis fängt es immer damit an, dass die Palästinenser uns Schmerzen zufügen, die wir dann vollkommen aus dem Zusammenhang reißen. Wir glauben, dass die Palästinenser schon eine Lehre daraus ziehen werden, wenn wir ihnen nur noch stärkere Schmerzen zufügen. Einige nennen es "Erfolg".

Für die meisten Israelis jedoch bleibt die daraus gezogene Lehre nach wie vor etwas Abstraktes. Die israelischen Medien halten die Informationslatte ziemlich niedrig und verschreiben ihren Konsumenten eine Diät niedrig an Wahrheit und reich an Allgemeines und solcherlei mehr. Die Realität passt nicht ins Bild unserer Erfolgsgeschichte: Getötete Kinder, verschüttete und verweste Körper, Verwundete, die verbluten, weil unsere Soldaten Rettungsmannschaften beschießen, beinamputierte kleine Mädchen, deren Verletzungen durch unsere Waffen verursacht wurden, am Boden zerstörte Väter, die verbitterte Tränen vergießen, ausradierte Wohnviertel, furchtbare Brände durch Weißen Phosphor verursacht und der Mini-Transfer: Zehntausende wurden aus ihren Häusern vertrieben und werden es  in diesem Augenblick noch. Sie werden in  zunehmend kleineren Lagern  zusammengepfercht, die unter Bomben- und Granatenhagel stehen.

Kaum hatte sich eine Palästinensische Autonomiebehörde etabliert, hat die Public Relation Maschinerie uns gleich auf übertriebener Art und Weise berichtet, dass die Palästinenser nun eine militärischen Bedrohung für uns darstellen. Früher hatten sie Steinen nun haben sie Gewehren, früher hatten sie Molotov Cocktails nun haben sie Selbstmordbomben, früher hatten sie Straßenbomben nun haben sie Kassams und auf einmal  sogar Granaten  und als sie  statt der PLO die Hamas wählten, beeilten wir uns zu sagen: “Wir haben es euch doch schon gesagt. Sie sind antisemitisch.“ Aus diesen Gründen haben wir das Recht zu wüten und zu randalieren.

Gerade durch die schrittweise Isolierung des Gazastreifens wurde Israels   Militärwüten –ein geeigneteres Wort habe ich dafür in meinem Wörterbuch nicht gefunden-erst  möglich gemacht. Die Isolierung verwandelte die Bewohner Gazas in abstrakte Objekte, die keinen Namen, keine Adresse, keine Geschichte hatten. Es hatten nur die Bewaffneten  einen Namen und es existierte nur die Geschichte, die der  israelische Geheimdienste Shin Bet  niederschrieb.

Die Belagerung des Gazastreifens begann nicht damit, dass Hamas die Kontrolle über die Sicherheitsorgane des Gazastreifens ergriff, oder als Gilat   Shalit entführt wurde, oder als die Hamas demokratisch gewählt wurde. Die Belagerung begann eigentlich 1991 – noch vor den Selbstmordattentaten. Seitdem wurde sie nur noch weiter ausgefeilt und erreichte 2005 ihren Höhepunkt.

Israels Public Relations Maschinerie gaukelte mit der Ablösung des Gazastreifens das Ende der Besatzung vor. Die Isolation und die Blockade wurden als “militärische Notwendigkeit“ präsentiert. Als erwachsene Menschen, die wir ja sind wissen wir doch, dass “militärische Notwendigkeit“ und ständiges Lügen den Zielen des Staates dienen. Doch Israels Ziel sah vor, die Zwei-Staaten-Lösung zu umgehen. Ihre Verwirklichung wurde von der Welt erwartet, nachdem  1996 der Kalte Krieg beendet war. Sie war zwar nicht die perfekte Lösung, allerdings waren die Palästinenser  seinerzeit dafür bereit.

Gaza ist keine Militärmacht, welche seinen friedliebenden winzigen Nachbarn attackiert. Gaza ist zusammen mit dem Westjordanland ein seit 1967 von Israel besetztes Gebiet. Seine Bewohner machen einen Teil des palästinensischen Volkes aus, welches 1948 sein Land und seine Heimat  verlor.

1993 hatte Israel eine einmalige Gelegenheit der Welt zu beweisen, dass es nicht stimmt, was die Leute über uns sagen – Israel ist in seiner Natur kein Kolonialstaat und die Vertreibung einer Nation aus seinem Land, von Menschen aus ihren Häusern und der Raub von palästinensischem  Boden zugunsten jüdischer Siedler ist nicht seiner Natur eigen.

In den Neunzigerjahren hatte Israel die Möglichkeit zu beweisen, dass 1948 kein Paradigma darstellt. Jedoch verpasste es diese Gelegenheit. Stattdessen verbesserte es nur noch seine Techniken, indem es Land raubte, indem es Menschen aus ihren Häusern vertrieb und indem es die Palästinenser in isolierte Enklaven zwang. Nun, in dieser traurigen Zeit ist Israel dabei zu beweisen, dass 1948 niemals endete.

Orginaltext: History did not begin with the Quassams
http://www.haaretz.com/hasen/spages/1055241.html